Kurzbericht Projektbesuch KARO e.V. / 28.05.2026
Nur wenige Kilometer von Deutschland entfernt werden Kinder verkauft, missbraucht und ihrer Kindheit beraubt – Tag für Tag. Was wir bei unserem Projektbesuch bei KARO e.V. erlebt und erfahren haben, hat uns tief erschüttert. Ein Bericht über eine Realität, die kaum bekannt ist und die doch mitten in Europa stattfindet.
Unser Besuch bei KARO e.V. in Plauen liegt erst kurze Zeit zurück und die Eindrücke sind noch hellwach in uns. Seit vielen Jahren setzt sich die Organisation gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung im deutsch-tschechischen Grenzgebiet ein. Mit einem Schutzhaus, Beratungsstellen, Streetwork, Präventionsarbeit und persönlicher Unterstützung begleitet KARO e.V. gefährdete und von Gewalt betroffene Frauen und Kinder und versucht, ihnen ein Leben frei von Gewalt und Ausbeutung zu ermöglichen.
Auch wenn wir uns seit nunmehr fast 25 Jahren für den Schutz von Kindern einsetzen und viele Projekte kennengelernt haben, hat uns dieser Besuch auf eine Weise erschüttert, die wir nur schwer in Worte fassen können. Vielleicht gerade deshalb, weil sich all das nicht am anderen Ende der Welt abspielt, sondern mitten in Europa – direkt vor unserer Haustür.
Häuserfassade bei einem Familienbesuch
Missbrauch von Kindern direkt hinter der Grenze
Tag für Tag überqueren Fahrzeuge mit deutschen Kennzeichen die Grenze nach Tschechien. In vielen Autos sitzen Männer, die gezielt Kinder sexuell missbrauchen wollen. Es ist keine Ausnahme, sondern eine bedrückende Realität, mit der die Sozialarbeiterinnen von KARO e.V. täglich konfrontiert sind.
Besonders betroffen hat uns der Besuch bei einer Roma-Familie gemacht, die dem Team von KARO e.V. bereits bekannt war. Kaum hielten wir mit unserem Auto vor dem Haus an, öffnete sich die Tür und ein junges Mädchen kam heraus. Es trug einen kurzen Minirock und hohe Stiefel und es war offensichtlich, dass es auf Kundschaft wartete. Als es bemerkte, dass wir gemeinsam mit den Sozialarbeiterinnen von KARO e.V. unterwegs waren, drehte sie sich abrupt um und verschwand wieder im Haus.
Verunsichert fragten wir die Sozialarbeiterin: „Was war das denn gerade? Wie alt war dieses Mädchen wohl?“ Wir selbst hätten sie auf etwa vierzehn Jahre geschätzt. Ihre Antwort werden wir nicht vergessen: „Wenn überhaupt“, sagte die Sozialarbeiterin leise.
Das Bild dieses jungen Mädchens hat sich tief in unser Bewusstsein eingebrannt, denn es macht deutlich, dass wir nicht über abstrakte Zahlen, Statistiken oder Zeitungsberichte sprechen. Wir sprechen über Kinder. Über Mädchen, die niemals in einer solchen Situation sein dürften. Über Kindheiten, die gestohlen und Zukunftsperspektiven, die zerstört werden, bevor sie überhaupt beginnen konnten.
Die Nachfrage nach Kindern ist groß
Ausbeutung über Generationen tief verwurzelt
Von den Mitarbeitenden erfuhren wir, dass es Familien gibt, in denen Kinder seit Generationen ausgebeutet werden. Sie berichteten von Fällen, in denen Kinder offenbar nur deshalb geboren werden, um später verkauft oder sexuell ausgebeutet zu werden. Wenn Ausbeutung und Missbrauch über Generationen zur vermeintlichen Normalität werden, zeigt das auf erschreckende Weise, wie tief diese Strukturen verwurzelt sind.
Das unvorstellbare Ausmaß und die Normalität, mit der diese Verbrechen geschehen, machen sprachlos. Gleichzeitig machen sie wütend. Wie ist so etwas möglich? Warum wird nicht entschieden genug dagegen vorgegangen? Wie kann es sein, dass Kinder mitten in Europa in solchen Verhältnissen aufwachsen?
Das Team von KARO e.V. wies auf den schwierigen gesellschaftlichen Kontext hin, in dem es arbeitet. Viele Roma-Familien in Tschechien erleben bis heute starke Ausgrenzung und Diskriminierung. Sie leben häufig am Rand der Gesellschaft, haben kaum Zugang zu Bildung oder regulärer Arbeit und geraten dadurch leichter in Armut und Abhängigkeiten. Wo Perspektiven fehlen, können kriminelle Strukturen leichter Fuß fassen und die Ausbeutung von Kindern begünstigen.
Vielerorts wird nur unzureichend gegen diese Strukturen vorgegangen. Menschen aus den betroffenen Gemeinschaften werden häufig pauschal als kriminell abgestempelt. Die Vorurteile führen dazu, dass Ausgrenzung weiter verstärkt wird und notwendige Unterstützung sowie konsequentes Eingreifen oft ausbleiben. Gerade dadurch können sich Armut, Perspektivlosigkeit und organisierte Ausbeutung über Generationen verfestigen.
Nightclubs mit langen Arbeitszeiten
Motivation, Entschlossenheit und Ausbau unserer Hilfe
Doch neben aller Betroffenheit hat uns der Besuch auch Hoffnung geschenkt. Denn wir durften Menschen kennenlernen, die nicht wegschauen, sondern hinschauen und helfen. Besonders beeindruckt haben uns die Mitarbeiterinnen im Schutzhaus sowie die Sozialarbeiterinnen und Streetworkerinnen. Mit viel Geduld, Ausdauer und großem persönlichem Engagement begleiten sie die Frauen und Kinder, bauen Vertrauen auf, bieten Schutz und eröffnen neue Perspektiven. Ihre Arbeit geschieht meist im Verborgenen – und verändert doch Leben.
Die BONO-Direkthilfe unterstützt KARO e.V. bereits seit zwei Jahren, weil wir wissen, wie wichtig und notwendig dieses Engagement ist. Die Begegnungen vor Ort haben uns eindrücklich gezeigt, wie groß die Not vieler Frauen und Kinder ist – aber auch, welchen Unterschied engagierte Menschen bewirken können. Daher bauen wir unsere Hilfe aus und werden für die nächsten drei Jahre das Gehalt einer Streetworkerin übernehmen – denn jede Frau und jedes Kind verdient Schutz, Würde und die Chance auf eine Zukunft frei von Ausbeutung und Gewalt.
Wir sind dankbar für die offenen Gespräche, die Einblicke in die Arbeit und die Begegnungen mit dem Team vor Ort. Der Besuch bei KARO e.V. hat uns einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, hinzusehen, auch wenn die Realität oft nur schwer auszuhalten ist. Denn Veränderung beginnt dort, wo Menschen helfen und handeln. Und genau das tun die Mitarbeitenden von KARO e.V. – jeden einzelnen Tag.

