SOS Bahini hilft rund um Gorkha
Unmittelbar nach dem Erdbeben lag der Fokus der Öffentlichkeit zunächst auf Kathmandu. Man vermutete bereits, dass entlegene Regionen – besonders östlich der Hauptstadt, also in der Nähe des Epizentrums – stark zerstört sein würden, doch mangelte es an Informationen und Möglichkeiten dorthin zu gelangen. Unsere Partnerorganisation SOS Bahini, hat ihren Sitz in Pokhara und berichtet seit einigen Tagen über die Lage vor Ort. Pokhara selbst ist nach Informationen von Raymond Lindinger, dem Gründer von SOS Bahini, nicht so schlimm getroffen – aber in den ländlichen Regionen rund um Gorkha ist die Situation verheerend.

Am Freitag, den 1. Mai, machte sich ein Team der Bahini Educare Foundation Nepal auf den Weg in das rund 110 Kilometer entfernte Gorkha, um zu helfen. Der kleine Konvoi bestand aus einem Lastwagen mit Lebensmitteln, Zelten, Matratzen, Decken und Verbandskästen, einem Jeep und zwei Autos. Dabei waren drei Krankenschwestern, ein pensionierter Armeegeneral, mehrere Mitglieder der Bahini Foundation und Freiwillige. Insgesamt erreichten die Helfer neun Dörfer und rund 180 Familien. Raymond Lindinger berichtet in einer Email an uns und plädiert für weitsichtige Hilfe:

Auf den ersten Blick sahen wir in Gorkha überraschend wenig Zerstörung im Stadtzentrum, doch später erfuhren wir, dass viele Häuser schwer beschädigt und für ihre Bewohner nicht mehr sicher sind. Viele Menschen mussten ihr Zuhause – auch wenn es noch steht – deswegen verlassen.

Auf dem Weg von Gorkha in die Dörfer kamen wir an mehreren Armee-Posten vorbei, an denen wir stoppen mussten. Dem pensionierten Armeegeneral, den wir eben aus diesem Grund als Begleiter dabei hatten, haben wir es zu verdanken, dass wir passieren durften. Die meisten Hilfskonvois aus Indien oder China, die wir unterwegs sahen und die teilweise aus bis zu 30 Trucks bestanden, mussten an den Posten anhalten, ihre Güter entladen und den lokalen Behörden übergeben. Tonnen von Lebensmitteln und Notfall-Gütern hängen dadurch fest und stehen unter der Kontrolle einer völlig ineffizienten und teilweise korrupten Bürokratie.

Etwa 10 Kilometer nördlich von Gorkha sahen wir die ersten Häuser, die vollständig durch das Erdbeben zerstört waren. Wir erreichten Finam, ein kleines Dorf mit rund sechzig Häusern und einer Bevölkerung von etwa 600 Menschen. Beide Schulen sind vollständig eingestürzt. Glücklicherweise war das Erdbeben an einem Samstag, als die Schulen geschlossen waren, sonst hätte es dort viele Opfer gegeben. Die Dorfbewohner führten uns zu den Häusern, die ganz oder teilweise zerstört worden sind. Wir fanden die Familien, die ihre Heimat und die meisten ihrer Habseligkeiten verloren hatten, völlig verzweifelt vor. Eine Woche nach der Katastrophe hatten sie immer noch kein Essen von der Regierung erhalten. Später sollten wir erfahren, dass das in den meisten Bezirken der Fall ist.

Das Dorf Ale Gaun, das nur 2 Kilometer westlich von Gorkha liegt, war nur mit einem Jeep zu erreichen und der Teil des Teams, der mit Surendra, dem Manager der Bahini Educare Stiftung und „Commander in Chief“, dorthin fuhr, fand einen Ort der Zerstörung vor. Die Überlebenden waren völlig verzweifelt. Keine Hilfe hatte sie bis zu diesem Tag erreicht und sie benötigten dringend Lebensmittel, Zelte, Decken und dergleichen. Surendra berichtete, dass das Team wie Götter empfangen wurden. Das Team konnte 44 Familien in diesem Dorf helfen.

Es wird berichtet, dass es Hunderte wenn nicht Tausende von Dörfern gibt, die ebenso verzweifelt auf Hilfe warten. Einige sind über die Straße zu erreichen, andere nur mit dem Hubschrauber. Solche Operationen sind nach unseren Kenntnissen geplant, aber wir wissen nicht, in welchem Maßstab. Wie wir gehört haben, sind Rettungsmannschaften und Hubschrauber aus Indien, China und den USA sowie und Teams von Ärzte ohne Grenzen unterwegs. Doch viele sollen bereits entmutigt sein durch mangelnde Zusammenarbeit, schlechte Kommunikation und Ineffizienz der Regierung und lokalen Behörden.

Die Monsunzeit wird bald beginnen, ab Juni wird es heftige Regenfälle geben und dann werden wir mit Problemen konfrontiert sein, die wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorhersagen können. Zehntausende sind nun in Zelten, der Regen und Schlamm und das Fehlen von Toiletten werden unvorhersehbare Probleme schaffen. Jüngsten Berichten aus Kathmandu zufolge beginnen Typhus und Cholera sich zu verbreiten. Das Wasser ist kontaminiert und auch die Flüsse – die einzige Wasserquelle für viele – sind von verwesenden Leichen, die nach den traditionellen Verbrennungen von den Flussufern, im Wasser treiben, verunreinigt.

Wir müssen abwarten und sehen, wann welche Maßnahmen angemessen und wirksam sein können. Und dann müssen wir in einer pragmatischen und kreativen Art und Weise handeln. Nicht zuletzt und vor allem müssen wir den Wiederaufbau im Blick haben, der erst ab September beginnen kann, wenn der Monsun vorbei ist. Das wird eine enorme kollektive Anstrengung erfordern.

Ich hoffe, dass dieser Bericht bei den schwierigen Entscheidungen hilft, die Sie treffen müssen, wenn Sie den Menschen in Nepal bei dieser großen nationalen Tragödie helfen wollen.

Mit freundlichen Grüßen

Raymond Lindinger
SOS Bahini