Stahlharte Nerven und Durchsetzungsvermögen gefragt

  • März 7, 2017

Einblick in den spannenden Alltag unseres Projektmanagers in Delhi

Seit Ende Januar 2016 ist Johannes Stanulla im Auftrag der BONO-Direkthilfe für den Bau des neuen Schutzzentrums der Rescue Foundation in Delhi verantwortlich. Vielseitige Herausforderungen und immer neue Überraschungen prägen seinen Alltag.

Das Handy klingelt. Ein Blick auf die Uhr – 5:46. Wo bin ich? Was ist los? Langsam formen sich klare Gedanken aus den letzten Traumfetzen, die eben noch in meinem Kopf herumschwirrten. Gefühlt bin ich gerade erst eingeschlafen. Das Handy klingelt immer noch. Es ist der Ermittlungsleiter der Rescue Foundation. Pick-up in 45 Minuten, Ziel ist das Rotlichtviertel Kamathipura. Man hatte mich gewarnt: Wenn es soweit ist, könne es sehr schnell gehen. Und es war soweit. Die Informationen hatten sich verdichtet, der Kreis war enger geworden und gleich würde sich die Schlinge zuziehen. Wenige Tage zuvor hatte ich noch in der Uni-Bibliothek in Karlsruhe gesessen und an meiner Masterarbeit geschrieben. Nun war ich auf dem Weg zu einer Razzia im größten Rotlichtviertel Mumbais gemeinsam mit dem Ermittlerteam der Rescue Foundation und der Polizei. An diesem Tag würden wir sieben Mädchen retten, zwei von ihnen minderjährig und außerdem acht Personen, darunter zwei Bordellmanagerinnen, festnehmen.

Im Auftrag des BONO-Direkthilfe e.V. reiste ich Ende Januar 2016 kurz nach Abschluss meines Masterstudiums als Projektleiter für den Bau eines neuen Schutz- und Rehabilitationszentrums der Rescue Foundation nach Indien. In den ersten Tagen konnte ich die großartige Arbeit der indischen Organisation kennenlernen, besuchte die drei bereits bestehenden Zentren in Mumbai, Pune und Boisar und wurde in alle Details meines neuen Projekts eingearbeitet. Danach zog ich mit ersten Entwürfen und einer meterlangen ToDo-Liste in Richtung Delhi los.

Heute sieht mein Alltag etwas geregelter aber keinesfalls weniger spannend aus. Gerade sind wir mitten in den Vorbereitungen zum Gießen der Betondecke des Erdgeschosses. Auf insgesamt vier Stockwerken und fast 1.500 qm Wohnfläche schaffen wir zukünftig Platz für bis zu 100 Mädchen und 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Rescue Foundation. Dazu gehören neben Schlaf- und Essräumen eine Krankenstation, ein Therapiezimmer, vollausgestattete Ausbildungsräume sowie ein großes Büro. Bei einem Projekt in dieser Größenordnung verläuft kein Tag wie der andere. Diskussionen mit meinem Team und Architekten über Bauzeichnungen, Verhandlungen mit Lieferanten über Materialpreise und tägliche Qualitätschecks auf der Baustelle stehen auf dem Programm. Dazu kommen Berichte über den aktuellen Stand der Arbeiten und nebenbei muss auch noch die Kalkulation der Baukosten stimmen.

Acht Monate sind nun vergangen seit ich nach Indien, in das Land der Gegensätze, gereist bin. Der Kulturschock hält immer noch an und an manche Dinge möchte ich mich gar nicht gewöhnen, wie z.B. das Spucken des braunen Kautabaks oder der extreme Gestank der Müllhalden an den Straßenrändern. Sie gehören neben Staub, Smog und ohrenbetäubendem Verkehr aber mittlerweile eben einfach dazu. Und zudem gibt es da ja die Gegensätze, von denen immer die Rede ist: Die unglaubliche Gastfreundschaft und Zuvorkommenheit der indischen Familien oder die bunte Farbenpracht der traditionellen Gewänder und Blumenkränze, die selbst in den abgelegensten Slums täglich getragen werden. Der Monsun, der zwar das Klima für unsereins zeitweise unerträglich macht, aber das ganze Land innerhalb weniger Tage von sandgrau in ein sattes Grün verwandelt. Und dann das indische Essen – es ist so gut, so vielfältig, so lecker!

Nicht nur, dass man beinahe täglich etwas Neues kosten kann, auch an den vielen Festen und Feiern werden jedes Mal unzählige Köstlichkeiten zubereitet. Eines dieser Feste blieb mir in besonderer Erinnerung: Raksha Bandhan, das Festival der Geschwisterliebe. Die Schwester bindet dem Bruder ein wunderschönes Armband um das Handgelenk als Zeichen ihrer Liebe und ihrer Gebete für sein Wohlergehen. Im Gegenzug verspricht der Bruder, immer für sie zu sorgen und sie zu beschützen. Eine von vielen prachtvoll zelebrierten Traditionen, die zeigen, wie schön und wertvoll ein enger Familienzusammenhalt sein kann. Nachdem ich meine eigene Familie über ein halbes Jahr nicht gesehen hatte, hat mich das besonders bewegt.

Zum Hintergrund: Die Rescue Foundation kämpft seit über 16 Jahren gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution und betreibt mittlerweile drei Zentren in Mumbai und näherer Umgebung, in denen sie die geretteten Mädchen aufnimmt, versorgt und ihnen neue Perspektiven bietet. Seit sechs Jahren ist die Organisation auch in Delhi aktiv, wodurch die Notwendigkeit eines nahegelegenen Schutzzentrums entstand. Gemeinsam mit anderen Unterstützerorganisationen konnte die BONO-Direkthilfe in 2016 die Finanzierung für den Bau des Schutzzentrums absichern, so dass im kommenden Jahr die Eröffnung gefeiert werden kann.

Johannes Stanulla