Vom Ehemann verkauft 

Wenn die Nacht hereinbricht, beginnt die Arbeit für die Ermittler der Rescue Foundation. Getarnt als Freier suchen sie in den Rotlichtvierteln von Mumbai (Bombay) und Puna nach minderjährigen Mädchen und jungen Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden

»Ich wurde bitter enttäuscht«, flüstert Beena* und blickt beschämt auf den Boden. Gerade einmal 16 Jahre alt ist das nepalesische Mädchen, das von ihrem eigenen Mann an ein Bordell verkauft wurde. Kennengelernt haben sich die beiden in Kalimpong, im Osten Indiens, nahe der nepalesischen Grenze, wo Beena arbeitete. »Binod* sieht sehr gut aus und fiel mir sofort auf«, erzählt sie. Schon nach kurzer Zeit macht ihr Binod einen Antrag, und die beiden fahren am Valentinstag nach Kolkata (Kalkutta), um zu heiraten. Beena ist überglücklich und träumt von einer aussichtsreichen Zukunft an der Seite ihres geliebten Mannes. In ihren Flitterwochen fährt das frisch vermählte Paar nach Puna. Dort geschieht für Beena das Unfassbare. Binod verkauft sie für 100 000 Indische Rupien, umgerechnet 1400 Euro, an ein Bordell.

Beena wird auf grausame Weise misshandelt, für mehrere Tage in einen dunklen Raum gesperrt und durch Gehirnwäsche und körperliche Gewalt gefügig gemacht. Eingeschüchtert und völlig verzweifelt muss das Mädchen Freier empfangen. Die Nachfrage nach ihr ist besonders hoch, denn junge Mädchen werden aufgrund der Ansteckungsgefahr von HIV von vielen Freiern bevorzugt.

Sunil*, ein Ermittler der Rescue Foundation, durchquert das Rotlichtviertel Budhwarpeth und sucht nach Mädchen und Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden. Am Abend betritt er als Freier getarnt das Bordell, in dem Beena festgehalten wird. Auf seine Nachfrage bei der Bordellbesitzerin nach einem jungen Mädchen, wird Beena zu ihm geführt, die ihn auf ein Zimmer begleitet. Das Mädchen wirkt apathisch und schüchtern. Leise und behutsam versucht Sunil Beena zu erklären, dass er sie aus dem Bordell befreien will. Doch Beena ist skeptisch und glaubt ihm nicht. Nach der bitteren Enttäuschung, die sie durch ihren Mann erfahren musste, kann sie niemandem mehr auf dieser Welt vertrauen.

Fünfmal besucht Sunil Beena, bis sie einwilligt, mit der Rescue Foundation zu kooperieren. Sie fasst allen Mut zusammen, gibt Sunil ihre Heimatadresse und äußert den Wunsch, dass bei der Razzia auch ihre Mutter anwesend ist. Beenas Mutter wird aufgesucht und nach Puna gebracht. Nur bei ihrer Anwesenheit kann das Mädchen glauben, dass es wirklich befreit wird und nicht in die Hände weiterer Menschenhändler fällt.

Am Abend des 9. Mai 2009 dringt die Polizei gemeinsam mit der Rescue Foundation in das Bordell ein und durchsucht sämtliche Zimmer. Von Beena jedoch fehlt jede Spur. Am Rande der Verzweiflung ruft die Mutter nach ihrer Tochter. Aus einem Badezimmer vernehmen die Retter ein leises Wimmern. Hinter einem Wassertank, in einem Schacht versteckt, werden Beena und fünf weitere Mädchen gefunden. Alle sind zwischen 13 und 16 Jahre alt.

Über die grausamen Erlebnisse, die Beena im Bordell widerfahren sind, schweigt sie. Ihr Körper ist gezeichnet von den schlimmen Misshandlungen, die sie über sich ergehen lassen musste. Wie tief die Wunden in ihrer Seele sind, kann man nicht ermessen.

Allein in 2009 wurden von der Rescue Foundation bis Ende September 141 Mädchen und Frauen aus der Zwangsprostitution befreit. Triveni Acharya, Leiterin der Organisation, hat ihr Ziel fest vor Augen: »Wir werden unsere Suche nach den Mädchen solange weiterführen, bis alle gerettet sind.«

* Namen geändert

„Wir werden unsere Suche nach den Mädchen solange weiterführen, bis alle gerettet sind.“
Triveni Acharya, Präsidentin der Rescue Foundation