Vom Bordell zum Flughafen
Projektbesuch bei der Rescue Foundation 2014 

Während in den rheinischen Hochburgen des Karnevals am 3. März 2014 Rosenmontag gefeiert wird, nimmt Gereon Wagener an diesem Abend an einer Rettungsaktion im Rotlichtviertel G.B. Road in Delhi teil. Nachfolgend ein Auszug aus seinen Aufzeichnungen:

„Alles bereit“, lautet die Textnachricht, die auf Santoshs Mobiltelefon eingeht. „Es geht los!“, sagt er und kurz darauf springen alle aus den Fahrzeugen. Santosh läuft in eine kleine Seitenstraße, gefolgt vom Rettungsteam der Rescue Foundation und sechs uniformierten Polizisten. Bis zuletzt weiß kein Polizist, wo es hingeht. Zu groß ist die Gefahr, dass die Information zu den Bordellbesitzern durchsickert. Nach einigen Metern wechselt Santosh blitzartig die Straßenseite und stürmt die Treppe eines kleinen Hauses bis in den zweiten Stock hinauf. Plötzlich geht das Licht aus. Taschenlampen blitzen auf, Befehle schallen durch die Dunkelheit. Die Eisengittertür des Bordells, in dem sich nach den Hinweisen eines Informanten minderjährige Mädchen befinden, ist mit einem dicken Vorhängeschloss verriegelt. „Bolzenschneider und Brechstange!“, ruft Santosh und kurz darauf wird die Tür aufgebrochen.

Die Luft ist feucht und stickig, es stinkt nach Schweiß. Der Wirrwarr der Stimmen in der Dunkelheit macht eine Einschätzung der Situation schwierig. Santosh schreitet durch den Aufenthaltsraum des Bordells, in dem rund ein Dutzend junger Frauen, teilweise nur spärlich bekleidet, auf einer Bank sitzen. Durch einen Vorhang geht er in den hinteren Teil des Gebäudes, in dem sich die Kabinen der Mädchen befinden, jede gerade einmal so groß, dass ein Bett reinpasst. Vor der letzten Kabine am Ende des Ganges bleibt Santosh stehen. Von innen ertönt die Stimme des Informanten. „Kommt rein, alles in Ordnung“. Santosh schiebt den Vorhang zur Seite und schaut kurz in das Gesicht des jungen Mannes, der auf die gegenüberliegende Kabine zeigt.

Nachdem der Informant und das Mädchen nach vorne in den Warteraum gegangen sind, treten Santosh und zwei Polizisten in die gegenüberliegende Kabine. Nach einem kurzen Blick durch den nur schwach beleuchteten Raum, schieben sie das Bett zur Seite. Unter dem Schrank am Bettende befindet sich eine Luke, die zu einem verließartigen Raum, einer sogenannten „versteckten Zelle“ führt. Santosh ruft in die Dunkelheit, ob sich jemand in dem Raum befindet, doch niemand antwortet. Er beugt sich in den Schacht und leuchtet mit seiner Taschenlampe in die Dunkelheit. „Kommt heraus!“, ruft er den dort unten versteckten Mädchen zu. „Wir tun euch nichts, ihr seid jetzt in Sicherheit“. Doch keines der Mädchen folgt der Aufforderung. Zu groß ist ihre Angst. „Nun kommt schon, ihr braucht keine Angst zu haben. Wir holen euch hier raus.“, ruft er noch einmal. Zögernd kommt das erste Mädchen nach vorne und klettert aus der Luke. Kurz danach folgen zwei weitere. Sie sind spärlich bekleidet und offensichtlich alle drei noch minderjährig.

Plötzlich geht das Licht wieder an. Einer der Polizisten hat im Hauptraum den Sicherungskasten entdeckt und den Strom wieder eingeschaltet, der kurz zuvor, vermutlich von der Bordellmanagerin abgestellt worden war, um Zeit zu gewinnen, die jungen Mädchen zu verstecken.

Als alle Mädchen im Aufenthaltsraum versammelt sind, erklärt ihnen Triveni Acharya, die Leiterin der Rescue Foundation, dass sie soeben gerettet wurden und ab heute wieder freie Menschen sind. Nachdem die Mädchen ihre wenigen Habseligkeiten gepackt haben, werden sie von der Polizei zu den Fahrzeugen geleitet und zur Anzeige gegen ihre Schlepper, Zuhälter und Bordellbesitzer ins Polizeirevier gebracht. Es werden noch viele Tage wohlmöglich Wochen vergehen, bis die Mädchen begreifen, dass sie tatsächlich befreit wurden.

Mir selbst bleibt wenig Zeit. Erleichtert und glücklich über die erfolgreiche Rettungsaktion verabschiede ich mich bei Santosh Sedhai, dem ältesten und mit über 3.000 befreiten Mädchen erfolgreichsten Ermittler der Rescue Foundation sowie von Triveni Acharya, der Leiterin der Rescue Foundation. Mit tiefem Respekt und Hochachtung vor ihrer Arbeit sowie mit großer Dankbarkeit, dass ich diese aktiv unterstützen kann, neigt sich mein 10-tägiger Projektbesuch dem Ende zu. In weniger als vier Stunden geht mein Flug nach Deutschland. Vom Bordell zum Flughafen – krasser könnte der Abschied nicht sein.

Gereon Wagener