Erfahrungsbericht von Lea Kocabas & Julia Wawer 

Von März bis April 2012 besuchten die beiden Schülerinnen Lea Kocabas und Julia Wawer aus Bergisch Gladbach unsere Partnerorganisation New Light in Kolkata/Kalkutta, Indien. Während ihres Aufenthaltes arbeiteten sie im „Sonar Tori“ (Mädchenwohnhaus) und haben einen umfassenden Einblick in die tägliche Arbeit von New Light und in das Leben vor Ort erhalten.

Es ist 9.30 Uhr, als lautes Kindergeschrei über die Dächer von Kalighat hallt und sich mindestens sieben Kinder auf uns stürzen und schreien: „Auntie, Auntie!“ Alle wollen sie auf den Arm genommen werden. Heute hat Coco einen dieser begehrten Plätze ergattert. Sofort presst sie ihr Gesicht an meine kühle Wasserflasche und versucht das Kondenswasser abzulecken. Es ist unglaublich heiß. Über uns kämpfen die Ventilatoren mit der stehenden Hitze. Trotz allem sind es solche Momente, die uns für den anstrengenden Weg durch den Trubel von Kolkatas Straßen entschädigen.

Noch ist es ruhig bei New Light, denn nur die Kleinsten sind da. Die größeren Kinder sind noch in der Schule und werden nach und nach eintreffen. Gemeinsam mit den Kindern, die nicht von unserer Seite weichen wollen, suchen wir uns ein Plätzchen in dem ehemaligen Tempel, der nun als Unterkunft für unsere Schützlinge dient. Der einzige Aufenthaltsraum ist eher karg, doch die Mitarbeiter haben den Raum gemeinsam mit den Kindern mit Hilfe von hellblauer Farbe, Fotos und Bildern etwas freundlicher gestaltet. Viel Spielzeug gibt es nicht, aber die Kinder sind kreativ und können sich mit fast allem stundenlang beschäftigen – für uns unglaublich, denn wir sind im Gegensatz zu ihnen in einer Überflussgesellschaft aufgewachsen und nicht mit ihrer indischen Geduld und Genügsamkeit gesegnet.

Nach der Mittagspause legen sich die Kinder auf Bambusmatten auf den Boden – Decken oder Kissen fehlen hier gänzlich – und schlafen eng ineinander verschlungen ein. Während die Kleinen friedlich schlafen, beobachten wir sie und denken wieder einmal, wie erstaunlich es ist, dass die Kinder so zufrieden sind, obwohl sie doch eigentlich so wenig haben. Aber es sind nicht die materiellen Dinge, die sie brauchen. Es sind Aufmerksamkeit, Geborgenheit und Sicherheit, die sie bei New Light finden, die ein Lächeln auf ihre Gesichter zaubern.

Kolkata, gilt als das Armenhaus Indiens. Doch einige Kinder und junge Frauen aus dieser Stadt bekommen eine Chance, eine Chance, die sich auf ihr gesamtes Leben auswirken wird, und dieses Geschenk wissen sie zu nutzen. So konnten wir bei unseren zahlreichen Besuchen bei „Sonar Tori“, dem „goldenen Boot“, viele Gespräche über die Zukunftspläne der jungen Frauen führen. In der gemeinschaftlichen Wohnküche bei einer Tasse Chai Masala erzählt uns Karimun Khatoon (19) von ihrem Studium und ihren Plänen, Journalistin zu werden. Auch die acht weiteren jungen Frauen aus dem „Sonar Tori“ sprühen nur so vor Tatendrang und Vorfreude auf ein Leben, das sie ohne die Unterstützung der Bono-Direkthilfe e.v. niemals erfahren könnten. Das vorherrschende Platzproblem bei „Sonar Tori“ bemerken die Frauen nicht einmal.

Auf Nachfrage, wie denn neun Frauen in sechs Betten passen, erklärt uns Sima Halder (22): „Ach, das ist kein Problem. Wir schieben abends immer jeweils zwei Betten zusammen. Dann können wir zu dritt darin schlafen.“ Anspruch ist ein Fremdwort für die Frauen. Eigentum gibt es nicht. Geteilt wird alles. Sima Halder hat ihr Studium bereits abgeschlossen und wird demnächst aus „Sonar Tori“ ausziehen. Sie wird in den nächsten Monaten bei einem fast fertig gestellten Projekt von New Light mitarbeiten: Eine Montessori- Schule, die direkt an den New Light-Tempel-Bau angebaut wird, soll als Schule für die Bildung der New Light-Kinder sorgen. Sima wird hier die Rolle einer Assistenz-Lehrerin übernehmen und nach Montessori-Standards unterrichten.

Das vor der Eröffnung stehende Montessori-Projekt ist nur eines der neuen Ziele, die sich New Light gesteckt hat. Wie die unbedingt notwendige Erweiterung von „Sonar Tori“, sind andere Projekte aber noch in der Planung, Urmi Basu, die Leiterin von New Light, erzählt uns von den Hoffnungen auf ein großes „Sonar-Tori“-Haus. Auf diese Weise soll genug Platz für die derzeit in der „Sonar Tori“-Wohnung lebenden jungen Frauen geschaffen, aber auch endlich den Mädchen auf der Warteliste eine Möglichkeit der begleiteten Zukunftsverwirklichung ermöglicht werden. Denn viele Mädchen warten: Sie hoffen auf die Chance, ihr Leben in die Hand zu nehmen und etwas daraus machen zu können.

„Es sind Aufmerksamkeit, Geborgenheit und Sicherheit, die sie bei New Light finden, die ein Lächeln auf ihre Gesichter zaubern.“
Lea Kocabas & Julia Wawer, Volontäre bei New Light