Wo sind die Mädchen? 

Auch ein Jahr nach dem historischen Friedensabkommen vom November 2006 gehört der Menschenhandel zu den drängendsten Problemen Nepals. Mehr denn je zählt die Arbeit von Maiti Nepal zum Schutz von Mädchen und Frauen.

Niemand weiß genau, wie viele Mädchen in den Dörfern und Städten Nepals fehlen. Der aktuellsten Studie zu dieser Thematik nach sind es mehr als 12 000, die jedes Jahr Opfer skrupelloser Geschäftemacher werden und von denen die meisten in den Bordellen der Großstädte Indiens landen. Die oft bittere Armut lässt die Versprechen der Menschenhändler verlockend erscheinen. Sie versprechen gute Jobs oder geben auch schon einmal vor, ein Mädchen heiraten zu wollen. So gibt es inzwischen Orte, in denen aus fast jeder Familie ein Mädchen fehlt.

Deswegen sind sie heute hier: Über 20 Mädchen und Frauen von Maiti Nepal sind nach Naubisey gekommen – ein kleines Dorf in Dhading, einem der 75 Distrikte Nepals, die ganz besonders vom Menschenhandel betroffen sind. Im Gepäck: Megafone, Transparente und vor allem jede Menge Informationsmaterial. Wochenlang haben sie die für heute geplante Aufklärungs- und Informationskampagne vorbereitet, um phantasiereich und wirkungsvoll auf Menschenhandel und Zwangsprostitution aufmerksam zu machen und möglichst viele Menschen zu erreichen.

Schon bald ziehen sie die staubige Straße entlang und singen gemeinsam Hosiyar – ein Lied, das besonders einprägsam vor Menschenhandel und Zwangsprostitution warnt. Als die singende Gruppe schließlich die Schule des Dorfes erreicht, werden sie bereits von hunderten Menschen erwartet. Es folgt der Höhepunkt des Tages: Ein kurzes Theaterstück, das genau zeigt, welche Risiken sich wirklich hinter den Versprechen der Menschenhändler verbergen. Die Menschen verfolgen die Aufführung gebannt, denn viele von ihnen können die verteilten Flugblätter und Plakate nicht lesen und sind deswegen ganz besonders gefesselt von der Darbietung.

Am Abend können die Mädchen und Frauen von Maiti Nepal stolz sein: Über 500 Menschen haben sie erreicht, und ihre Botschaft ist auf großes Interesse gestoßen. Der Tag in Naubisey war eine von vier Aufklärungs- und Informationskampagnen, die die Organisation dieses Jahr bis Ende November durchgeführt hat. »Ich denke, diese Präventionsarbeit ist wichtiger denn je«, so Anuradha Koirala, Gründerin und Leiterin von Maiti Nepal.

Denn schnell hat sich die Hoffnung zerschlagen, dass die nach dem historischen Friedensabkommen vom November 2006 eingesetzte Übergangsregierung dem Kampf gegen den Menschenhandel endlich die Priorität einräumen würde, die dringend nötig wäre, um diese besonders tief greifende Verletzung von Menschenrechten zu stoppen. Zwar wurde der 6. September – aufgrund des Drucks zahlreicher Nichtregierungsorganisationen wie Maiti Nepal – zum Tag gegen Menschenhandel erklärt und ein neues Gesetz gegen Menschenhandel verabschiedet, doch die allgegenwärtige Korruption, die sich des nepalesischen Justizsystems bemächtigt hat, führte dazu, dass 2001/2002 gerade einmal 40 Fälle von Menschenhandel registriert wurden – eine absurd kleine Zahl angesichts tausender verschleppter Mädchen und Frauen.

»Wir müssen alles tun, um diese Mädchen und Frauen auch weiterhin zu schützen«, so Anuradha Koirala. Beeindruckende Zahlen belegen ihre Entschlossenheit: Über 2 000 Mädchen und Frauen konnten von Maiti Nepal bis Ende September 2007 dank der Transit Homes an der Grenze zu Indien abgefangen werden, weit über 200 Mädchen nahmen an den drei- oder sechsmonatigen Kursen der Prevention Homes teil. Für diese Erfolge wurde die Organisation nun besonders geehrt: Am 21. November 2007 wurde Maiti Nepal gemeinsam mit La Strada – Belarus mit dem Deutschen UNIFEM-Preis 2007 ausgezeichnet. In einer bewegenden Dankesrede versprach Anuradha Koirala, dass Maiti Nepal auch weiterhin alles tun werde, um Mädchen und Frauen in Nepal vor Menschenhandel und Zwangsprostitution zu schützen.

„Wir müssen alles tun, um diese Mädchen und Frauen auch weiterhin zu schützen!“
Anuradha Koirala, Gründerin von Maiti Nepal