Schützen durch Aufklärung – Kein Weg ist zu weit, kein Schritt ist zu steil, um ein Kind vor der Verschleppung zu beschützen.  

Mittwoch, 27. März 2013 – Früh morgens geht es los. Wir, das sind Michael Müller–Offermann mit Catharina (14 Jahre), Andreas Horz mit Carlotta (15 Jahre), Leonie Pötters (16 Jahre) und ich, starten mit Anuradha Koirala, Bishwo Khadka und über 25 Mädchen und jungen Frauen von Maiti Nepal zu einer Aufklärungskampagne. Ziel ist ein abgelegenes Dorf südwestlich von Kathmandu.

Mit einem Reisebus und einem Kleinbus entfernen wir uns erst über noch asphaltierte Straßen, dann über Schotterpisten und Sandwege immer weiter weg von Kathmandu. Hinter uns lassen wir nicht nur von Menschen und Fahrzeugen aller Art überfüllte Straßen, Hochhäuser, kleinere Fabriken, Märkte und Geschäfte, sondern auch Krankenhäuser, Schulen und (zumindest für Teile von Kathmandu geltend und zeitweise funktionierend) eine Kanalisation, fließendes Wasser und eine Stromversorgung. Die Umgebung wird ländlicher und gebirgiger. Winzige Dörfer werden durch Ansammlungen von kleinen Häusern und verstreuten Hütten abgelöst.

Nach vielen Kilometern – über holprige und enge Straßen, so dass wir manchmal aussteigen mussten, um überhaupt weiterzukommen – sind wir am Ziel. Kein Bus kommt hier mehr weiter. Nun heißt es aussteigen. Bepackt mit Plakaten, Infoflyern und Kleistereimern. Zügig geht es über einen staubigen, steinigen Weg zum kleinen „Dorfzentrum“. Dort teilen Bishwo Khadka, der Direktor von Maiti Nepal, und Anuradha Koirala, die Gründerin der Organisation, die Gruppen ein. Es wird geklärt, wer welche Dorfregion übernimmt.

Wir kraxeln mit den Frauen und Mädchen von Maiti Nepal hintereinander die Hänge hinauf und hinunter. Erreichen wir ein paar Häuser, kommen die Dorfbewohner aus ihren Hütten, und die Aufklärung kann beginnen. Wir hängen Plakate auf, verteilen Informationsmaterial und Flyer, und die Frauen von Maiti Nepal informieren die Dorfbewohner über die Gefahren der falschen Versprechungen der Menschenhändler, und dass es nicht gut ist, mit jemandem mitzugehen, der gute Jobs in Kathmandu oder Indien verspricht. Sie erklären, welche neuen Perspektiven Bildung eröffnen kann, und dass das Leben eines Mädchens nicht nur darauf ausgerichtet sein sollte, möglichst „gut“ verheiratet zu sein. Sie berichten über ihr eigenes, schlimmes Schicksal und klären die Mütter über Frauenrechte und darüber auf, wie man sich für seine Rechte einsetzen kann.

Diese Mädchen wissen, wovon sie sprechen, haben sie doch zum größten Teil gerade die „Hölle“ der Ausbeutung und Gewalt, der Zwangsprostitution und Misshandlungen hinter sich gebracht und befinden sich nun bei Maiti Nepal in einer Berufsausbildung oder im Studium.

Die Menschen in den Dörfern, die wir erreichen, sehen selten einen Fremden. Das Wasser wird aus einem entfernten Brunnen nach Hause getragen. Gekocht und geheizt wird mit gesammeltem Holz oder getrocknetem Tierdung. Um überhaupt Gemüse anbauen zu können, haben sie an den Steilhängen kleine, terrassenförmige Felder angelegt. Viele der Bewohner in den Dörfern können nicht lesen oder schreiben, daher ist ein Teil des Info-Materials mit Bildern in einer Art Comic gestaltet. Medizinische Hilfe oder Stromversorgung sind für die meisten unerreichbar und unbezahlbar. Um zu der kleinen Schule zu gelangen, sind die Kinder zum Teil Stunden unterwegs, in denen sie zwangsläufig nicht ihren Familien helfen können.

Auch wir machen uns auf den Rückweg zur Schule, bei der die Abschlussveranstaltung der Aufklärungskampagne stattfinden soll. Mit einem Megafon in der Hand spricht und warnt Anuradha Koirala eindringlich vor den Gefahren der Verschleppung. Die Mädchen führen ein Theaterstück auf, in dem sie nachspielen, wie das Leben eines Mädchens, das einmal voller Hoffnung sein Dorf verließ, enden kann.

Besonders berührte es mich, Radhika unter den „Schauspielerinnen“ zu erkennen. Ihr grausames Schicksal wurde in einem Buch geschildert, über das wir Sie in unserem letzten Jahresbericht (2012) informierten.

Wir sind überzeugt, dass solche Aufklärungsprogramme ihre Wirkung nicht verfehlen. „Wir müssen in jedes Dorf“, sagte schon vor Jahren Janeit Gurung, die Programmkoordinatorin von Maiti Nepal. Ein ambitionierter Plan und ein wirksames Mittel, um junge Mädchen effektiv vor Menschenhandel und Zwangsprostitution zu schützen. Ein Plan, der ohne Ihre Unterstützung nicht umsetzbar ist.