Die letzte Rettung  

Bericht aus der Zeitschrift „Maxi“ vom 12.01.2016.

Kalpana Magar kämpft mit der Hilfsorganisation „Maiti Nepal“ gegen den Menschenhandel. An der Grenze zu Indien kontrolliert sie Pässe, Autos und Busse – und bewahrt so Hunderte Frauen davor, verschleppt zu werden.

„Wie ist dein Name?“, „Wo willst du hin?“, „Mit wem reist du?“ Kalpana Magar hat viele Fragen. Die 33-Jährige stellt sie täglich – den jungen Frauen am Grenzübergang von Nepal nach Indien. Die Antworten der Mädchen retten ihnen oft das Leben. Denn Kalpana arbeitet für die nepalesische Hilfsorganisation „Maiti Nepal“ (auf Deutsch: „Haus der Mutter“), die gegen den illegalen Handel mit Kindern und Frauen kämpft.

Jedes Jahr werden rund 18.000 Frauen mit falschen Versprechungen in ein vermeintlich besseres Leben gelockt – und dann als Arbeiterinnen oder Prostituierte in Nepals Nachbarländer Indien oder China verkauft. In einem Land, in dem Frauen kaum Rechte haben und fast 25 Prozent der Bevölkerung unter extremer Armut leiden, ist die Versuchung, all das hinter sich zu lassen, für viele groß. Aus Verzweiflung geben sich die Frauen einer Illusion hin. Aus der winzigkleinen Hoffnung heraus, dass vielleicht doch stimmt, was ein fremder Mann ihnen verspricht.

Kalpana kennt die Tricks der Schlepper. Die energische Frau arbeitet seit 2003 für „Maiti Nepal“, nachdem sie selbst kurz zuvor bei einer Polizeirazzia in einem indischen „Gästehaus“, wie sie es nennt, entdeckt wurde. Was genau dort mit ihr passiert ist, darüber schweigt Kalpana. Die Tatsache, dass sie seit zwölf Jahren in dem Schutzhaus von „Maiti Nepal“ in Kathmandu lebt, ist Antwort genug.

Jeden Tag kontrollieren rund 60 „Grenzfrauen“ der Organisation 1.600 Autos. Sechs Stunden dauert eine Schicht. Kalpanas Arbeitsplatz ist der staubige Kontrollpunkt „Nagdhunga“, rund eine Stunde westlich von der Hauptstadt. Jedes Auto, das nach Indien möchte, muss hier vorbei. Hier – und an Kalpanas hellwachem Blick.

Die 1,50 Meter kleine Nepalesin lehnt sich mit ihrem ganzen Körper in die Minibusse, um gründlich alle Reisepässe zu checken. Und misstrauisch auf jede noch so kleine Unstimmigkeit in den Antworten der Frauen und ihrer Begleiter zu lauschen, die eine Lüge entlarven. „Ich hake nach, wenn die Mädchen aus besonders armen Gegenden kommen und wenn sie ohne ihre Familie reisen. Ich kann es schwer erklären, es ist auch oft mein Bauchgefühl, das mir sagt: Hier stimmt etwas nicht“, so Kalpana. Dabei sind es nicht immer nur widersprüchliche Aussagen, die sie daran zweifeln lassen, dass die Mädchen wissen, wohin die Reise mit dem Bus tatsächlich geht. „Ich lese ihre Gesten, ihre Gesichtsausdrücke. Ich versuche zu erkennen, ob sie ängstlich sind.“

In guten Monaten retten Kalpana und ihre Kolleginnen 40 Frauen im Alter zwischen 13 und 25 Jahren aus den Fängen der Menschenhändler. 30.000 konnte „Maiti Nepal“ bislang insgesamt an den Grenzen abfangen. Und dennoch seien das immer noch viel zu wenige, betont Kalpana. „Gelangen die Frauen mit den Schleppern über die Grenze, werden ihnen erst die Pässe genommen – und bald darauf verlieren sie ihre Würde. Sie sind dann in der Hölle gelandet“, erklärt sie und muss jetzt tief durchatmen. Denn Kalpana ist wütend. Auf die Schlepper. Und auf den Staat.

Obwohl die Nepalesin und ihr Team am Grenzübergang eng mit der Polizei zusammenarbeiten, setzt sich das Land immer noch zu wenig für Frauenrechte ein. „Viele Mädchen denken, sie haben keine Wahl. Sie müssten dem fremden Mann folgen. Und eins stimmt ja auch: Hier in Nepal haben sie kaum Chancen auf ein besseres Leben“, weiß Kalpana nur zu gut.

Das nächste Auto fährt vor. Ein Reisebus. Ein Polizist bleibt Kalpana bei der Arbeit dicht auf den Fersen – zu ihrem eigenen Schutz. Denn die junge Nepalesin wird oft angefeindet, beleidigt und bedroht, wenn sie durch den Gang der großen Fahrzeuge geht. Nicht jeder in Nepal hat eben Verständnis für ihren Job. „Ich war schon in gefährlichen Situationen, werde oft angespuckt und wurde auch selbst schon begrapscht“, sagt Kalpana.

Zwischen 500 und 1.500 Euro verdient ein Schlepper im Schnitt an einer nepalesischen Frau. Je jünger, desto wertvoller ist sie für ihn. Wenn sie noch Jungfrau ist, steigen die Preise erst recht. Es ist ein dreckiges Geschäft, das Kalpana mit aller Macht zu verhindern versucht.

„Doch mir passieren auch Fehler“, sagt sie streng. „Und falls die Mädchen es irgendwann nach Nepal zurückschaffen, sind sie umso mehr auf Hilfe von ,Maiti Nepal‘ angewiesen. Damit sie nach und nach wieder in ihre Familie eingegliedert werden – oder sich ein eigenes Leben aufbauen können.“

Elf sogenannte „Transit-Heime“ an den Grenzen des Landes sind eine erste Anlaufstelle für die Frauen. In der Zentrale von „Maiti Nepal“ in Kathmandu können sie zur Schule gehen, eine Berufsausbildung machen, ihr Lächeln und sich selbst wiederfinden.

Auch Kalpana hat der Organisation ihren Lebensmut zu verdanken. „Meine Stärke, meinen Willen, meine Bildung, meine Werte – das habe ich erst hier gelernt und entdeckt“, sagt sie. Und all das hilft ihr heute dabei, am Grenzübergang „Nagdhunga“ unermüdlich Fragen zu stellen. Und Tausende Frauen zu retten.

Text: Corinna Siepenkort, Redakteurin der Zeitschrift „Maxi“, die durch den Besuch von Maiti Nepal im Rahmen der KinderKulturKarawane 2015 auf die Arbeit der Organisation aufmerksam wurde.