Bus für Bus  

Menschenhandel und Zwangsprostitution zu verhindern ist das wichtigste Ziel von Maiti Nepal Die Kontrollstation Thankot spielt eine zentrale Rolle in dem Konzept der Organisation, Mädchen und Frauen möglichst effektiv zu schützen.

Es ist gerade 10 Uhr morgens, doch die Sonne brennt bereits vom Himmel. Ein Dunstschleier aus Abgasen und Staub verdeckt die Sicht auf die beeindruckende Gebirgskette des Himalaya im Hintergrund. Fahrzeug an Fahrzeug schiebt sich die Steigung hinauf nach Thankot, einem Dorf im Süden Kathmandus, an der wichtigsten Ausgangsstraße, die das Kathmandutal mit dem Westen und Süden Nepals sowie mit Indien verbindet. Bremsen quietschen, Hupen ertönen in allen möglichen Melodien, überladene Laster stoßen riesige schwarze Abgaswolken aus und Straßenverkäufer stürzen sich auf jeden stoppenden Bus, um den Reisenden kleine Snacks, billige Armbanduhren und alles, was man unterwegs brauchen könnte, anzubieten.

Inmitten dieses Chaos arbeitet bereits seit vier Stunden ein Kontrollteam von Maiti Nepal. Jeder einzelne Klein- und Reisebus wird überprüft, denn hier besteht die Chance, verschleppte Mädchen und Frauen rechtzeitig abzufangen. Sechs Mitarbeiterinnen von Maiti Nepal arbeiten in zwei Schichten von 6 bis 20 Uhr, um hunderte Busse zu kontrollieren, die jeden Tag Thankot passieren. Sie alle wären selbst einmal fast verschleppt worden und wurden von Maiti Nepal gerettet. Ihre eigene Erfahrung und intensives Training lassen sie mit geübtem Blick erkennen, wo Mädchen und Frauen vielleicht gerade Opfer von Menschenhändlern werden und drohen, in der Zwangsprostitution zu landen.

In einem vollbesetzten Reisebus wecken zwei junge Männer, die mit zwei Mädchen, die gerade erst 15, 16 Jahre alt zu sein scheinen, ihre Aufmerksamkeit. Als die vier die Fragen des Kontrollteams nicht eindeutig beantworten können, werden sie aus dem Bus gebeten. Nun werden die Männer und die Mädchen in der kleinen Kontrollstation Maiti Nepals getrennt befragt. Schnell verwickeln sich die jungen Männer in Widersprüche, und es wird deutlich, dass ihre angeblichen Heiratsanträge für die tatsächlich erst 14 und 16 Jahre alten Mädchen nichts weiter als Lügen waren. Keine rauschenden Hochzeitsfeiern warteten auf sie, sondern ein Bordell in Mumbai (Bombay), an das sie verkauft werden sollten. Kurz darauf werden die Männer der Polizei übergeben, während die fassungslosen und in Tränen aufgelösten Mädchen erst einmal bei Maiti Nepal aufgenommen werden, bis sie zu ihren Familien zurückkehren können.

Manchmal sind es Heiratsanträge, manchmal die Versprechen guter Jobs in Indien. Die Geschichten, die die Kontrollteams von Maiti Nepal zu hören bekommen ähneln sich immer wieder. Und doch ist es so leicht, den Versprechen der Menschenhändler Glauben zu schenken. Bittere Armut prägt noch immer das Leben vieler Familien gerade in den ländlichen Gegenden Nepals. Fernsehen und Zeitungen gibt es hier nicht, und die Möglichkeit einer Schulausbildung ist gerade für Mädchen eher die Ausnahme als die Regel. So groß ist der Wunsch, der Armut zu entkommen, vielleicht sogar die eigene Familie mit ein wenig Geld unterstützen zu können, dass es leicht fällt, alle Bedenken fallen zu lassen, und dem Traum eines besseren Lebens zu folgen, der, angekommen in den Rotlichtvierteln der indischen Großstädte, so schnell zum Alptraum wird.

Hunderte Mädchen und Frauen können die Kontrollteams Maiti Nepals jedes Jahr vor einem derartigen Schicksal bewahren. Und so werden sie auch morgen wieder in der sengenden Hitze und inmitten von Abgasen und Staub unermüdlich weiter kontrollieren – Bus für Bus.


„In einem Zeitalter, in dem wir uns damit rühmen, dass die Sklaverei abgeschafft ist und Frauen Rechte haben, springt uns die nackte Tatsache ins Gesicht: Viele Frauen wurden nie schlimmer missbraucht als heute.“
Joanna Lumley, Schauspielerin und Sonderbotschafterin für Maiti Nepal