29.06.2007
»Die Nähe zwischen uns«

Thrity Umrigar schreibt als Journalistin unter anderem regelmäßig für die Washington Post und den Boston Globe und unterrichtet Creative Writing und Journalismus an der Case Western Reserve University. Ihr Roman »Die Nähe zwischen uns« ist eine tiefgehende und verflochtene Erzählung über die Kräfte, die uns trennen, und die uns verbinden.

Ich gehöre der ersten Generation in Indien geborener und im Westen aufgewachsener Menschen an und habe ich mich immer wieder in die Werke Anglo-Indischer Autoren verliebt. Meine neueste Entdeckung in dieser Hinsicht ist Thrity Umrigar. Ihr Roman »Die Nähe zwischen uns« ist eine Geschichte über Geschlechter und Klassen. Durch die anschaulich dargestellte Lebensgeschichte der zwei Hauptpersonen Bhima und Sera deckt der Roman auf, dass der »Raum zwischen ihnen« durch Geburt, Bildung und Reichtum bestimmt wird. Im hektischen und chaotischen Alltag des heutigen Mumbai, wo schockierende Armut neben üppigem Reichtum existiert, zeigt Thrity Umrigar, wie das Leben der Reichen und Armen sehr weit von einander entfernt liegt und doch eigentlich miteinander verbunden ist.

Sera Dubash ist eine Witwe aus der parsischen Oberschicht, die sich um ihre Familie kümmert und viel Zeit damit verbringt, ihre schwangere Tochter Dinaz, eine gutmütige, gebildete und berufstätige Frau und ihren charmanten Schwiegersohn Viraf zu versorgen. Bhima ist arm, alt und erschöpft: »ausgetrocknet, ausgeschöpft, wie hohl und zerknittert wie eine Walnussschale.« Sie ist eine sture Analphabetin und kümmert sich um ihre Enkeltochter Maya, deren Eltern verstorben sind.

Jeden Morgen verlässt Bhima, eine Hausangestellte im heutigen Mumbai, ihre kleine Behausung in den Slums, um nach dem Haushalt von Sera Dubash zu sehen. Bhima, die ihre eigene Familie verloren hat, kümmert sich schon seit über zwanzig Jahren um das Wohlergehen der Dubashs und gehört quasi zu ihnen. Dennoch besteht ihre Aufgabe darin, Geräte zu waschen, die sie nicht benutzen darf und Möbel zu putzen, auf denen sie nicht sitzen darf.

Die Handlung spielt sich in einer Reihe von Rückblenden und aktuellen Begegnungen ab. So erfahren wir, wie Bhima sich in einer fremden Welt voller Bürokratie zurechtfindet, für die sie nicht ausgebildet ist. In diesen kritischen Augenblicken wird offensichtlich, wie die Familie Dubash ihr Geld und die rohe Macht der Privilegierten dazu genutzt hat, Bhima und ihrer Familie zu helfen. Als Bhimas Mann Gopal nämlich nach einem Arbeitsunfall ins Krankenhaus eingeliefert wird, zwingt Seras Mann Feroz die Ärzte, Gopal bevorzugt zu behandeln. Und Sera hilft auf ihre Weise, damit Bhima ihren Lebenstraum verwirklichen kann: Ihre Enkelin Maya soll es eines Tages besser haben als sie, soll für immer den Slums entkommen. Dank der großzügigen Unterstützung Seras kann Maya ein College besuchen.

Aber die privilegierten Umstände von Seras Leben vertuschen die Schande und Enttäuschung ihrer Ehe. Es ist eine Ehe, die von quälenden Erinnerungen an häusliche Gewalt und emotionale Misshandlung verunstaltet wird, die sie von ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter erleiden musste, eine Ehe verbotener Wahrheiten, die Sera vor ihrer Familie und Freunden geheim gehalten hat.

Durch das Fehlschlagen ihrer Ehe erkennt sie ihre Seelenverwandtschaft zu Bhima: »Sie sind sich in vielen Dingen gleich, Bhima und sie. Trotz des unterschiedlichen Lebenslaufes ... diktiert durch die zufällige Geburt - hatten sie beide den Schmerz erlebt, als die Blütezeit ihrer Ehe vorüber ging.« Ein sehr bewegender Moment des Romans ist, als Bhima nach einer der vielen Züchtigungen Heilöl auf Seras geschundenen Körper reibt. Ein stummer Akt instinktiven Mitleids und Einfühlungsvermögens, ein bewegend menschlicher Moment, der kurzfristig den Raum zwischen ihnen überwindet.

Sera beschuldigt ihren Mann Feroz, für die würdelosen Grenzen verantwortlich zu sein, die Bhima zwingen, ein anderes Glas zu benutzen oder ein anderes Stück Seife, die für sie »beiseite gelegt werden«. Durch ihre Flucht in Schuldzuweisungen erkennen wir, dass die Witwe Sera mit der gegensätzlichen Meinung ringt, ob sie Bhima wie ihresgleichen behandeln soll. Thrity Umrigars Porträt von Sera als einer Frau, die »unfähig ist, aus ihrer bürgerlichen Haut zu entkommen« ist ehrlich und tapfer und sie zeigt geschickt eine Reihe von gegensätzlichen Gedanken, Gefühlen und Realitäten.

Während die Last der Geschichte das Band des Vertrauens und der Freundschaft zwischen Sera und Bhima zusammengeschweißt und getragen hat, drehen sich die aktuellen Begegnungen um zwei Schwangerschaften: die von Dinaz und Maya. Durch diese Schwangerschaften erleben die beiden älteren Frauen ihre Hoffnungen für die Zukunft und ihre Ängste. Als die unverheiratete Maya schwanger wird, scheint Bhimas Traum von einem besseren Leben für ihre Enkeltochter und auch für sich für immer zerschlagen.

Thrity Umrigars Sprache ist reichhaltig und üppig und sie hat ein scharfes Auge für Details, was man in ihrer Beschreibung des Alltags in Mumbai gut erkennt. Sie zeigt uns die gängigen sozialen Probleme im heutigen Indien: Aids, Bildung und erzeugte Armut, die rohe Ungleichheit zwischen den Privilegierten und Mächtigen auf der einen und den Armen und Machtlosen auf der anderen Seite. Der Roman hat sicherlich alle Merkmale eines Bollywood-Melodramas, aber größtenteils gelingt es Thrity Umrigar, den Abstieg in das schmerzlose Pathos und in leichte Klischees zu verhindern.

Stattdessen bietet »Die Nähe zwischen uns« ein überzeugend komplexes Porträt von zwei Frauen mit Fehlern, die trotzdem würdevoll sind und fängt geschickt ein, wie die Verbindung zwischen einzelnen Frauen die Trennung der Klassen überwinden kann.

Dieser Text wurde zunächst von Barira Limbada und openDemocracy unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht.
Übersetzung: Martina Müller-Tellmann
Die Internetseite von Thrity Umrigar.
Thrity Umrigar:
Die Nähe zwischen uns
Ullstein Buchverlage, Berlin 2006
ISBN-10 3-550-08648-2
ISBN-13 978-3-550-08648-9
18,00 Euro

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