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|  | Shehzad Noorani stammt aus Bangladesch und lebt in den USA. Er hat sein Augenmerk als Fotograf auf die Existenz von Menschen gerichtet, die auf der untersten Stufe der sozialen, politischen und ökonomischen Rangleiter Südasiens stehen. In dem vorliegenden Essay, dem wir dem von Daniel Schwartz herausgegebenen Buch »Geschichten von der Globalisierung« entnehmen, beschreibt er den erschütternden Teufelskreis von Armut und Menschenhandel in Nepal, Indien und Bangladesch. |
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Sangeeta Sani, eine sehr arme Tamang, ermutigte Seema, eine ihrer beiden Töchter, nach Kathmandu zu gehen und dort Arbeit zu suchen. Seema landete schließlich in einem Bordell in Bombay, wo sie sich mit HIV ansteckte. Foto: Shehzad Noorani |
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Die flackernden Bilder der Bollywood-Stars im indischen Zee-TV ziehen wie unwirkliche Traumsequenzen am Leben der Menschen auf den überfüllten Straßen Bombays vorüber. Mehr als ein Viertel der Einwohner schläft auf der Straße, Regen und Wind ausgesetzt, neben offenen Kanalschächten, in überfüllten Barackensiedlungen. In Dhaka setzen Eltern ihre Kinder am Bahnhof aus, weil sie nicht in der Lage sind, sie zu ernähren. Frauen vertrauen ihre Töchter »Onkeln« an, weil sie keine Mitgift bezahlen können.
In einem abgelegenen Dorf nordöstlich von Kathmandu ermutigte Sangeeta Sani, eine mittellose Tamang, eine ihrer beiden Töchter, Seema, zur Arbeitssuche in die Stadt zu gehen. Seema landete in einem Bordell in Bombay, wo sie sich mit HIV infizierte. Als sie nicht länger arbeiten konnte, kehrte sie nach Hause zurück, wo sie zwei Jahre später an Aids starb. Die Mutter fühlt sich für den Tod ihrer Tochter verantwortlich. Unter den Tamang, der größten tibeto-burmesischen Ethnie in Nepal, ist diese Geschichte kein Einzelfall. Wenig ist über die Vergangenheit der Tamang bekannt; hingegen steht fest, daß sie von höhergestellten Kasten ausgebeutet wurden, hauptsächlich seit der Einigung Nepals unter der Schah-Dynastie. Im 19. Jahrhundert nahmen die Tamang unter Nepals Bergvölkern per Gesetz den untersten Rang ein, und ein Großteil ihres Landes wurde an höhere Kasten verteilt; Staats- und Militärdienst waren ihnen nicht gestattet. Heute verharren sie in extremer Armut, arbeiten als Gepäckträger, Karrenzieher oder Rikschafahrer. Viele Frauen werden zur Prostitution genötigt.
In Nepals ländlichen Gebieten sind Tausende Frauen in einem Teufelskreis gefangen, der durch fehlende Bildung und Mangel an anderen Möglichkeiten in Gang gehalten wird. Schon in jungen Jahren müssen Mädchen ihren Müttern bei der Arbeit in Haus und Hof zu Hand gehen oder zur Unterstützung ihrer Familien auf dem Feld arbeiten - die landläufige Auffassung hält Schulbildung für Mädchen für eine nutzlose Investition. Ein siebenjähriges Tamang-Mädchen in Taluka, das einen schweren Korb auf seinem Kopf balancierte, sagte mir: »Nein, wir gehen nicht zur Schule, wir haben kein Geld. Mutter meint, wir sollen arbeiten.«
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Schulbildung für Mädchen gilt in Nepal vielerorts nach wie vor als nutzlose Investition.
Foto: Shehzad Noorani |
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Weil sie mittellos sind und keine Alternativen haben, werden Nepalesinnen oft leichte Beute von Menschenhändlern. Nach Schätzungen einer ILO-Studie werden jährlich mehr als 12 000 Kinder an Bordelle in Indien verkauft; mehr als die Hälfte der Mädchen ist unter 16, ein Viertel jünger als 14. Es heißt, das Hongkong, nach Indien, der zweitgrößte Markt für nepalesische Mädchen ist. Frauen und Kinder sind besonders gefährdet, wenn die Suche nach Alternativen zur Armut sie von Hause fortführt. In Nepal wie auch in Bangladesch wandern Makler von Dorf zu Dorf und verkaufen Träume von lebensverändernden Jobs. Manche Frauen, die glauben, sie seien als Teppichknüpferinnen oder Textilarbeiterinnen in der Stadt angeworben worden, müssen feststellen, daß sie in die Prostitution verkauft wurden. Andere entscheiden sich bewußt für die Sexindustrie, entweder weil keine andere Arbeit in Aussicht ist oder weil sie zu wenig verdienen, um Geld nach Hause zu schicken.
Salma Begun, die in der Reismühle einer kleinen Stadt im Norden Bangladeschs arbeitet, sagt: »Wir haben kein Land, kein Vieh. Meine Tochter Mumtaz wächst heran, und die ersten Heiratsanträge liegen bereits vor. Sie ist jetzt fünfzehn. Sobald wir eine passende Person finden, werden wir sie verheiraten. Das ist ein Mund weniger, der zu stopfen ist.«
Verzweiflung bringt die Armen dahin, ihre Kinder - vor allem Töchter - zu verkaufen. Meist handelt es sich dabei um sogenannte »weiche« Verkäufe in Form von Heirat oder mündlich ausgehandelten Arbeitsverträgen, in denen sich eine Person bereit erklärt, als Gegenleistung für Hilfe im Haushalt für den Unterhalt des Kindes zu sorgen. Eheschließungen sind für Eltern bisweilen eine willkommene Gelegenheit, sich ihrer Kinder zu entledigen, oft ohne daß sie dabei für die Mitgift aufkommen müssen. Für den Kuppler seinerseits sind sie ein probates Mittel, Mädchen der Prostitution zuzuführen. Die Eltern erhalten in der Regel nichts, nur die Zusicherung, daß die Person, die ihr Kind anstellt oder heiratet, für es sorgen wird. Mitunter mögen die Eltern um das Schicksal, das auf ihr Kind wartet, wissen, doch da ihnen keine Wahl bleibt, ziehen sie es vor zu schweigen.
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Tausende Frauen sind in Nepals ländlichen Gebieten in einem Teufelskreis gefangen.
Foto: Shehzad Noorani |
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Prostitution, Armut und Wirtschaft sind untrennbar miteinander verflochten. Es spielt dabei eine untergeordnete Rolle, ob es Profitsucht oder Armut ist, die die Menschen zu Waren macht. Wer auf der untersten Sprosse der ökonomischen Leiter steht, ist gezwungen, mit allem zu handeln, was er besitzt. Für das organisierte Verbrechen ist der Menschenhandel heute ähnlich lukrativ wie der Handel mit Drogen oder Waffen. Indien hat sich dabei zur Drehscheibe des Handels mit dem menschlichen Elend entwickelt. Rund zwei Millionen Frauen sind hier in das Sex-Business involviert - jede vierte ist unter achtzehn.
Prozesse, die zu dem führen, was wir heute Globalisierung nennen, wirken seit Menschengedenken. Der Drang zur Überwindung von Grenzen ist in der Hauptsache durch den Handel vorangetrieben und in jüngster Zeit durch gewaltige technologische Fortschritte weiter verstärkt worden. Transport-, Reise- und Kommunikationskosten sind drastisch gefallen, fast ausschließlich dank des technologischen Wandels. Profitiert von diesem Prozeß haben in den unterentwickelten Ländern allerdings nur wenige Privilegierte in urbanen Zentren. Der Mehrzahl - jenen, die auf dem Land oder, schlimmer noch, in den Slums der Megastädte wohnen - brachte diese Entwicklung unsägliches Leid und Erniedrigung.
Die jeunesse dorée vor den privaten Schulen in Bombay oder in den Internetcafés von Dhaka hat wenig mit denen gemein, die in den Straßen derselben Städte ums täglichen Überleben kämpfen. Sie leben in verschiedenen Welten, die kaum Berühungspunkte haben. Gesetzt, daß die Globalisierung überhaupt etwas gebracht hat - das Kasten- und Klassensystem und die tief verwurzelte Armut in Südasien sind nicht tangiert worden. Die Lebenserhaltungskosten sind derart in die Höhe geschnellt, daß Menschen, die sich vor wenigen Jahren noch mühelos drei Mahlzeiten am Tag leisten konnten, heute Schwierigkeiten haben, zwei Mahlzeiten zu bezahlen. Dieses Mißverhältnis wirkt sich am schlimmsten auf Haushalte aus, denen Frauen vorstehen, und auf solche mit noch unselbstständigen Kindern. Oft haben diese Familien den Kontakt zu ihren Gemeinschaften verloren, sind entwurzelt und leben auf der Straße. Die Zuwanderung vom Land in die Städte hat massiv zugenommen und trägt dazu bei, daß die Zahl der Frauen und schutzlosen Kinder in den städtischen Zentren heute erschreckend hoch ist. Das Dilemma kann nach Kultur, sozialer Struktur und Religion des jeweiligen Landes verschiedene Gesichter haben; aber fast immer sind es die ganz Armen, die den höchsten Preis entrichten müssen.
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Eine junge Frau mit HIV vor einem stadtbekannten Bordell in Bombay.
Foto: Shehzad Noorani |
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Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind allein in Asien über eine Million Kinder sexueller Ausbeutung ausgesetzt. In seinem erschütternden Buch The Child and the Tourist merkt Ron O'Grady an: »Wer einmal kleinen Jungen und Mädchen begegnet ist, die Opfer dieses Handels wurden, beginnt zu verstehen, weshalb man heute dazu übergeht, die Prostituierung von Kindern als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen.«
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Copyright: Shehzad Noorani
Übersetzung: Carsten Stütz Einige Namen von Personen und Orten wurden geändert. |  |
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 |  | Daniel Schwartz [Hrsg.]:
Geschichten von der Globalisierung
Steidl Verlag, Göttingen 2003
ISBN 3-88243-941-6
25,00 Euro |
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 | Internationaler Frauentag |  |  |  |  |  |  | Zum Internationalen Frauentag am 8. März 2008 wirft die BONO-Direkthilfe e.V. einen Blick auf die aktuelle Situation von Frauen in Nepal. Stephan Weber berichtet aus Kathmandu. |
 | Jahresbericht 2007 |  |  |  |  |  |  | »Solange es Armut gibt, gibt es keine wahre Freiheit.« - erfahren Sie mehr über die Arbeit der BONO-Direkthilfe e.V. und unserer Partnerorganisationen in unserem aktuellen Jahresbericht. |
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