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30.04.2007
»Geheime Wahlen«

Manjushree Thapa ist eine der bekanntesten Autorinnen aus Nepal. In ihrem schriftstellerischen Schaffen thematisiert sie die Suche der Nepalesen nach demokratischen Werten, politischer Freiheit und wirtschaftlicher Teilhabe. Ihr Buch »Forget Kathmandu — An Elegy for Democracy« gehörte 2006 zu den Finalisten des Lettre Ulysses Award für die Kunst der Reportage. Auf Deutsch erscheint nun ihr Roman »Geheime Wahlen« (»The Tutor of History«), aus dem wir einen Auszug veröffentlichen.

Das Schauspiel, das Harsha Bahadur unter dem vertrockneten Zitronenbaum darbot, zog endlich die Aufmerksamkeit seines maoistischen Vetters zweiten Grades auf sich, der Harsha Bahadurs eigenem, mittellosem Familienzweig angehörte, an Khaireni Tars zweistufigem College studierte und ein überaus brillanter Kerl war. »Bürgermädchen wollen Bürgerjungen heiraten«, erklärte sein Vetter in barschem Ton, als er sich neben Harsha Bahadur setzte. Er hatte das markante Profil eines Revolutionärs, aber von vorne wirkte sein Gesicht weich wie bei einem Jugendlichen. Der spärliche Bart stand ihm überhaupt nicht. Sich dramatisch gegen den Himmel abzeichnend, verkündete er: »So ist das mit den Reformisten in diesem multinational-imperialistisch-spekulantenkapitalistischen Zeitalter der Ausbeutung. Das Bürgertum wird seinen Reichtum niemals umverteilen, und seine Frauen auch nicht. Der Rawal-Junge ist der Sohn eines reichen Verpächters, und es ist keine Überraschung, daß er dir dein Mädchen raubt.«

»Aber Sani hat mich doch selbst zurückgewiesen«, jammerte Harsha Bahadur. »Der Ra… Der Rawal-Junge hat sie mir nicht weggenommen, sie hat ihre eigene Wahl getroffen.«

»Wahl!« fauchte sein Vetter. »Ihr Klassencharakter erlaubt es ihr nicht, dich zu lieben.«

»Ssss. Ihr Charakter — so makellos —.«

»Ihr Charakter wird durch ihre Klasse bestimmt!« Inzwischen schrie sein Vetter fast. Er hob belehrend den Zeigefinger und wedelte damit erzürnt in der Luft herum. »Das Bürgertum läßt nicht zu, daß seine Töchter sich in arme Männer ohne Grundbesitz verlieben. Es sorgt dafür, daß seine Mädchen so denken, und sie werden auch so denken — bis die Arbeiter- und Bauernrevolution sie alle befreit und ihnen klarmacht, daß wir Brüder sind, alle!«

Dieses Argument gab Harsha Bahadur zu denken. »Also ist es nicht ihre eigene Schuld«, sagte er und suchte auf dem Gesicht seines Vetters nach Zeichen der Hoffnung. »Die Gesellschaft hindert sie daran, mich zu lieben, weil ich arm bin.«

Sein Vetter grinste. »Aus diesem Grund, mein Bruder, kämpfen wir für eine maoistische Republik. Wir leben in der turbulenten Übergangszeit von einem feudalen zu einem kapitalistischen System. Aber der Kapitalismus schafft eine bürgerliche Gesellschaft, die uns nicht geben will, was uns zusteht. Die parlamentarische Demokratie ist nur eine Schachfigur der Reichen, und deshalb müssen wir Arbeiter und Bauern bloße Reformbestrebungen ablehnen und für die wahre Revolution kämpfen — wir müssen einfordern, was unser rechtmäßiges Eigentum ist: Bildung! Arbeitsplätze! Elektrizität! Straßen! Eine großmaßstäbige erdrutschartige wirbelsturmmäßige Kulturrevolution!« Er zupfte vor Aufregung an seinem Bart: »Schau, Bruder, der maoistische Volkskrieg ist die beste Wahl für alle, denen das Herz gebrochen worden ist. Glaubst du, du bist der einzige traurige Nepaler? Gibt es nicht Millionen andere, die ebenfalls leiden? Ist auch nur einer von uns frei von der multinational-imperialistisch-spekulantenkapitalistischen Ausbeutung unserer parlamentarischen Demokratie? Du mußt aufwachen, Bruder, und kämpfen!«

Harsha Bahadur war sich nicht sicher, ob er mit allem einverstanden war, was der Vetter sagte, aber seinen vertraulichen Ton empfand er als tröstlich. »Es gibt so viele andere Menschen auf der Welt«, stimmte er zu, »die im Unglück leben. Die Armen, die Kranken, die, denen die Häuser von Erdrutschen und Überschwemmungen weggespült werden.«

Sein Vetter warf sich fast auf ihn. »Deshalb mußt du dich mir anschließen, um diese bevorstehende Wahl zu sabotieren! Wenn die Leute uns nicht dabei helfen, diese Wahl zu boykottieren, werden wir sie dazu bringen, mit Hilfe von Benzinbomben, Maschinengewehren, Pistolen und Khukurimessern!«

Was? Harsha Bahadur schaute erschrocken auf. Was war aus dem Gespräch über die Liebe geworden?

Ein Blick auf seinen Vetter, und er fand die Bestätigung: Die Maoisten waren kampflustig und grob und zettelten ständig Aufruhr an. Sie redeten zu schnell, und sie blieben lange auf und schauten sich gegenseitig mit stechenden, blutunterlaufenen Augen an. Harsha Bahadur hingegen war eine friedliebende Seele und wollte einfach nur in der Liebe glücklich werden.

Er sank in tiefe Verzweiflung, denn er wußte nicht weiter.

Copyright: Lahure Kitab | Edition Kathmandu
Übersetzung: Philipp Pratap Thapa
Die Internetseite von Manjushree Thapa.
Manjushree Thapa:
Geheime Wahlen
Mit sechs Aquarellen von Binod Pradhan und Asha Dangol
Lahure Kitab | Edition Kathmandu, Bergisch Gladbach 2007
ISBN 978-3-939834-00-7
18,00 Euro

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