Es gibt hunderte, ja tausende minderjährige Mädchen, die tagtäglich gezwungen werden, ihren Körper zur Befriedigung von Männern herzugeben. Betroffene berichten, dass sie gezwungen werden, bis zu 30 Freier pro Tag zu empfangen. Schon für 100 bis 200 Indische Rupien, umgerechnet 1,50 bis 3 Euro, ist ein Mädchen zu haben. Das Geschäft boomt. Aufgrund der Angst vor HIV/AIDS steigt die Nachfrage vor allem nach jungen Mädchen. Über 70 Prozent der Mädchen und Frauen, die länger als sechs Monate in der Prostitution verbringen müssen, sind HIV-positiv.
6. Januar 2008 im Büro der Rescue Foundation in Mumbai. Triveni Acharya, Präsidentin der Organisation, sitzt an ihrem Schreibtisch. Vor ihr liegen die Fotos von Kanchhi* und ihrer Schwester Deepa*, zwei junge nepalesische Mädchen, die vor mehr als zwei Jahren aus einem Dorf im Süden Nepals verschleppt wurden. Durch Hinweise eines Freiers konnten Ermittler der Rescue Foundation die beiden Mädchen in einem Bordell in Puna, circa 200 Kilometer von Mumbai entfernt, ausfindig machen. Für den Abend ist ein Rettungseinsatz zusammen mit der Polizei geplant.
»Wichtig ist, dass wir schnellstmöglich zu den Zimmern von Kanchhi und Deepa im 3. Stock gelangen«, erklärt Triveni Acharya ihren Mitarbeitern. Sie weiß, wovon sie spricht. Beim Eintreffen der Polizei stellen die Bordellbesitzer oft den Strom ab und verschließen die schweren Metallgittertüren an den Etageneingängen, um die hierdurch gewonnene Zeit zu nutzen, um minderjährige Mädchen zu verstecken oder über geheime Fluchtwege aus dem Bordell zu schaffen. Das Bordell, in dem Kanchhi und Deepa eingesperrt sind, wird seit Monaten von Ermittlern der Rescue Foundation überwacht. Sie kennen jeden Winkel des Hauses und auch die Fluchtgänge. Dennoch ist die heutige Mission höchst brisant, da bereits die erste Razzia einige Wochen zuvor aufgrund eines Hinweises eines korrupten Polizisten an die Bordellmanagerin erfolglos verlief.
Die Arbeit der Ermittler ist äußerst gefährlich. Tagtäglich gehen sie den zahlreichen Hinweisen der Informanten bestehend aus Freiern, konkurrierenden Bordellangestellten, zuvor befreiten Mädchen und Frauen sowie verhafteten Schleppern nach. Als Freier getarnt nehmen sie Kontakt zu den zu befreienden Mädchen und Frauen auf. Die wichtigste und gleichzeitig schwerste Aufgabe ist, ihr Vertrauen zu gewinnen. Oft sind sie durch Einschüchterungen und massive Drohungen derart verunsichert, dass sie niemandem mehr trauen.
Gegen 22 Uhr ist es soweit. Triveni Acharya und ihre Mitarbeiter bahnen sich den Weg durch die Menge zu dem Bordell. Von der anderen Straßenseite nähert sich die Polizeieskorte, bleibt aber zunächst im Hintergrund. Noch bevor die Bordellbetreiber die Situation erkannt haben, sind zwei Ermittler der Rescue Foundation in den Zimmern von Kanchhi und Deepa. Heute haben sie Glück. Beide Mädchen sind da. Doch auf einmal geht das Licht aus. Ein Durcheinander von Stimmen macht die Lage unübersichtlich. Über ihr Handy informiert Triveni Acharya die Polizeieskorte, die kurz darauf mit Taschenlampen die Treppe hinauf stürmt. Die Atmosphäre bleibt gespannt. Noch hat die Polizei die Situation nicht unter Kontrolle. Zusammen mit einem Polizeiinspektor kämpft sich Triveni Acharya zu den Zimmern von Kanchhi und Deepa vor. Die beiden Mädchen sitzen angsterfüllt auf dem Boden und haben ihre Köpfe zwischen den Knien versteckt. Beide weinen und flehen die Polizisten an, sie nicht zu verhaften. Triveni Acharya spricht mit ruhiger und vertauensvoller Stimme und erklärt ihnen die Situation. Sie stellt sich und die Arbeit der Rescue Foundation vor und gibt den beiden Mädchen ihr Wort, dass sie nun in Sicherheit sind. Nach Erledigung aller Formalitäten bei Polizei und Gericht werden sie in das Rescue Center der Organisation gebracht, wo sie erst einmal duschen können und eine warme Mahlzeit erhalten. Danach können sie sich ausruhen und schlafen. Ihr Alptraum der letzten zweieinhalb Jahre ist vorbei.
Leider verlaufen nicht alle Rettungseinsätze so erfolgreich. »Jeder Rettungseinsatz ist eine äußerst schwierige und komplexe Aktion«, erklärt Triveni Acharya. »Unsere Mitarbeiter sind in ständiger Gefahr.« Da mit der Prostitution der Mädchen und Frauen in Indien Tagesumsätze von umgerechnet über 90 Millionen Euro erzielt werden, versuchen Menschenhändler und Zuhälter jeden aus dem Weg zu räumen, der ihr Geschäft bedroht. So wurden auch auf Mitarbeiter der Rescue Foundation bereits zwei Mordanschläge verübt. Doch glücklicherweise überlebten sie.
Dass das Thema Menschenhandel und Zwangsprostitution nicht weit weg ist und uns alle angeht, macht Triveni Acharya in der Öffentlichkeit immer wieder deutlich: »Stellen Sie sich vor, eines dieser Mädchen wäre Ihre Tochter. Würden nicht auch Sie alles in Ihrer Macht stehende tun, sie zu befreien?« In diesem Sinne möchten wir mit der Weihnachtsaktion 2008 die Arbeit der Rescue Foundation unterstützen. Hierbei denken wir vor allem an all jene Mädchen und Frauen in indischen Bordellen, die verzweifelt auf ihre Befreiung warten!
* Namen geändert