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08.03.2008
Manifestationen der Ungleichheit

Zum Internationalen Frauentag am 8. März 2008 wirft die BONO-Direkthilfe e.V. einen Blick auf die aktuelle Situation von Frauen in Nepal. Stephan Weber berichtet aus Kathmandu.

Welcome back to Nepal

Die ersten Worte, die ich in Thamel, dem Touristenviertel Kathmandus, höre, sind ein Schock: »Want naked dance? « fragt mich ein kaum älter als zwölf Jahre scheinender Straßenjunge in holprigem Englisch - gerade laut genug, um den Verkehrslärm zu übertönen. Es ist klar, worum es geht: Die Zahl der Dance Bars in Thamel hat sich in den letzten Jahren vervielfacht, alle paar Meter flackern nun abends bunte Leuchtreklamen, um Einheimische wie Touristen anzulocken. Wahrscheinlich erhält der Junge ein paar Rupien als Provision, wenn es ihm gelingt, einen Kunden mitzubringen. Welcome back to Nepal.

Zwei Jahre ist es her, dass das nepalesische Volk erreichte, was keiner zu hoffen gewagt hatte: Durch eine umfassende Demokratiebewegung wurde der König gezwungen, seine bereits mehr als ein Jahr andauernde absolute Herrschaft zu beenden, eine Übergangsregierung wurde eingesetzt und ein Friedensabkommen mit den Maoisten ebnete nach zehnjährigem Bürgerkrieg den Weg für den ersehnten Friedensprozess. Von der damaligen Euphorie ist, nachdem die vorgesehenen Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung bereits zweimal verschoben wurden, inzwischen nicht mehr viel übrig. Doch während noch darüber debattiert wird, wie sichergestellt werden kann, dass zukünftig auch Frauen im politischen System Nepals ausreichend repräsentiert sind, hat sich die Situation für viele von ihnen bereits nachhaltig verändert.

Manifestationen der Ungleichheit

Nicht nur in Thamel, sondern überall in Kathmandu finden sich dutzende neuer Dance Bars. Sie sind gerade am Wochenende bis auf den letzten Platz mit Männern aller Altersgruppen und Schichten gefüllt. Statt Orte harmlosen Vergnügens zu sein, wie manchmal behauptet, sind sie Manifestationen der Ungleichheit, deutlich sichtbar überall in Kathmandu.

Viele der Mädchen, die hier Abend für Abend vor gaffenden Männern tanzen müssen, sind noch nicht einmal volljährig. Sie kommen in der Regel aus entlegenen Gegenden Nepals, und es sind Armut sowie der Mangel an Bildungschancen und Perspektiven, die sie nach Kathmandu treiben. Bisher liegen keine genauen Zahlen vor, wie viele von ihnen sogar verschleppt wurden, um in den Dance Bars der Hauptstadt zur Arbeit gezwungen zu werden. Doch es sind die alten Mechanismen, die schon seit Jahren dazu führen, dass tausende Mädchen und Frauen aus Nepal in die Prostitution in den Großstädten Indiens verschleppt werden, die auch hier wirken.

»From treks to sex«

Doch das Problem geht längst über die Dance Bars heraus. Ebenfalls in Thamel konzentrieren sich unzählige Massage Parlors, die nichts anderes sind als halbherzig getarnte billige Bordelle. Etliche der Mädchen, die hier tagtäglich zu Objekten sexueller Befriedigung degradiert werden, sind ebenfalls noch minderjährig. Sie sind nicht nur einem hohen HIV-Infektionsrisiko ausgesetzt, sondern ihnen wird in der traditionellen nepalesischen Gesellschaft ein Leben lang das Stigma anhaften, in der Prostitution gearbeitet zu haben.

Der Boom von Dance Bars und Massage Parlors in Kathmandu in den letzten Jahren ist der Beginn einer alarmierenden Entwicklung, deren Ende noch nicht absehbar ist. Seit dem Friedensabkommen von 2006 ist die Zahl der nach Nepal kommenden Touristen stark gestiegen. Ganz offensichtlich befinden sich unter ihnen viele, die Nepal als neues Zielland für Sextourismus ansehen. Der Economist brachte diese erschreckende Entwicklung vor kurzem mit der Schlagzeile »From treks to sex« auf den Punkt.

Träume verteidigen

Der eingeleitete Weg einer Modernisierung Nepals bedeutet im Moment für viele Mädchen und Frauen, die aus benachteiligten Verhältnissen kommen, einen Aufbruch in die Vergangenheit: Statt neuer Chancen und mehr Gleichheit greifen neue Formen der Ausbeutung und Ungleichheit um sich. Es ist nicht damit getan, über die politische Repräsentation von Frauen zu diskutieren, sondern es sind dringend Maßnahmen nötig, um diese Entwicklung zu stoppen und ein neues Nepal zu schaffen, in dem Gleichberechtigung und der Respekt vor der Würde von Frauen nicht nur leere Worte sind.

Die Mädchen und Frauen in den Dance Bars und Massage Parlors Kathmandus träumen sicherlich bei jedem Tanz und jedes Mal, wenn sie einen Freier empfangen müssen, von einem solchen neuen Nepal. Der Internationale Frauentag ist eine gute Gelegenheit, sich in Erinnerung zu rufen, dass es gerade in Zeiten des Sextourismus nötig ist, uns weltweit gegen kommerzielle sexuelle Ausbeutung und für Frauenrechte einzusetzen, um diesen Traum von Freiheit und Gleichheit zu verteidigen. Deswegen werden wir in den kommenden Monaten zusammen mit unseren Partnerorganisationen neue Konzepte mit diesem Schwerpunkt entwickeln. Bitte helfen auch Sie hierbei - mit Ihrer Spende oder durch Ihre Mitarbeit!

Dieser Text wird von Stephan Weber und der BONO-Direkthilfe e.V. unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht.

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