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25.11.2007
Die Kinder von Kalighat

Hunderte Kinder, deren Mütter in der Prostitution leben, wachsen in Kalighat, einem der Rotlichtviertel Kolkatas, auf. Sie brauchen jetzt Ihre Hilfe auf ihrem Weg aus dem Teufelskreis von Armut, Ausbeutung und Gewalt, der ihren Alltag prägt.

Kalighat - ein Slumgebiet im Süden der 15-Millionen-Metropole Kolkata. Die engen und verwinkelten Gassen rund um den Kalighat-Tempel, eine der wichtigsten Stätten des Hinduismus, bilden das älteste Rotlichtviertel der Stadt. Mehr als 1 000 Frauen leben hier von der Prostitution. Die grausame Realität ihres Lebens ist nur schwer vorstellbar: Ihr »Zuhause« ist kaum mehr als ein Verschlag, bestehend aus einem Raum, der gerade genug Platz für ein Bett und eine Kochstelle bietet. Eine kleine Metallkiste fasst die wenigen Dinge, die ihnen gehören. In ihren dunklen und winzigen Zimmern empfangen die Frauen auch die Männer, die jeden Tag zu Tausenden auf der Suche nach billigem Sex nach Kalighat kommen. Bis zu zehn Freier pro Tag müssen sie empfangen, und es gibt keine Rückzugsmöglichkeit, um die entwürdigende Erfahrung, von Männern zur sexuellen Befriedigung gekauft und benutzt zu werden, zu vergessen.

Doch die meisten Frauen leben nicht alleine, denn viele von ihnen haben Kinder. Kinder, die ihre Väter nicht kennen und die nie gelernt haben, wie ein Leben außerhalb des Rotlichtviertels aussieht. Sie erleben den Alltag ihrer Mütter hautnah mit, wenn sie sich zum Beispiel unter dem Bett verstecken müssen, während ihre Mutter die ganze Nacht hindurch Freier empfängt - Tag für Tag, immer und immer wieder.

Zwar gibt es in Kalighat keine Bordelle, in denen die Frauen eingesperrt und zur Prostitution gezwungen werden. Doch keine von ihnen hat freiwillig gewählt, ihren Körper zu verkaufen. Es sind immer wieder ähnliche Schicksale: Viele wurden noch als Kinder oder Jugendliche mit viel älteren Männern verheiratet und landeten auf der Flucht vor häuslicher Gewalt im Sexgeschäft. Andere wurden Opfer von Menschenhändlern und kamen, nachdem sie aus den Bordellen freigelassen wurden, nach Kalighat - gebrochen und gezeichnet von Jahren der Ausbeutung.

Sie sind ohne jegliche Perspektive und haben weder genug Hoffnung und Kraft, noch die Möglichkeiten ihren Kindern ein anderes Leben jenseits des Teufelskreises aus Armut, Ausbeutung und Gewalt, zu ermöglichen. Zwangsläufig sind ihre Töchter gefährdet, selbst in der Prostitution zu landen. Sobald sie älter sind, werden Freier und Zuhälter immer zudringlicher. Mehr als 90 Prozent der Mädchen beginnen aktuellen Studien zufolge ebenfalls mit der Prostitution und erhalten damit nie die Chance auf ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben, das schon ihren Müttern verwehrt wurde.

»Diese Kinder haben eine bessere Zukunft verdient!«, so Urmi Basu, Gründerin und Leiterin von New Light, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Mädchen und Jungen ein Stück ihrer Kindheit wiederzugeben und ihnen neue Perspektiven für ein besseres Leben zu eröffnen. Schon seit 2000 betreibt New Light dazu eine Kindertages- und -nachtstätte mitten in Kalighat, die auch von der BONO-Direkthilfe e.V. unterstützt wird. Hier haben die Kinder eine Anlaufstelle, wo sie betreut werden, etwas zu essen bekommen und mit anderen Kindern spielen können. New Light kümmert sich ferner darum, dass sie eine Schule besuchen, was bei weitem keine Selbstverständlichkeit in Kalighat ist.

Doch um den besonders gefährdeten jungen Mädchen helfen zu können, muss noch mehr getan werden. Oft sind sie gerade 12 oder 13 Jahre alt, wenn Freier und Zuhälter sie immer mehr drängen, ebenfalls mit der Prostitution zu beginnen. »Wir müssen diese Mädchen dringend schützen!«, so Urmi Basu. Hierzu betreibt New Light seit 2005 das ebenfalls von der BONO-Direkthilfe e.V. unterstützte Soma Memorial Girls Home, ein Wohnheim außerhalb des Rotlichtviertels, wo die Mädchen ein sicheres Zuhause finden und sich in einer Atmosphäre der Geborgenheit auf die Schule konzentrieren können.

Zurzeit leben 16 Mädchen im Soma Memorial Girls Home und New Light sieht sich neuen Herausforderungen gegenüber. »Es gibt so viele Mädchen, die wir eigentlich sofort aufnehmen müssten«, berichtet Urmi Basu, »denn sonst sind sie vielleicht morgen verschwunden, und wir haben die Chance verpasst, sie vor einem schrecklichen Leben in der Prostitution zu bewahren.« Gleichzeitig legt sie großen Wert darauf, die Zukunft der Mädchen, die bereits im Soma Memorial Girls Home leben, langfristig zu sichern. »Es reicht nicht«, berichtet sie, »dass wir die Mädchen für einige Jahre aufnehmen, sie müssen lernen, ein eigenständiges und unabhängiges Leben zu führen.«

Um dieses wichtige Ziel zu erreichen, hat New Light ein faszinierendes Projekt entwickelt, das Urmi Basu bei ihrem Besuch in Deutschland im Sommer dieses Jahres der BONO-Direkthilfe e.V. vorstellte: Ältere Mädchen sollen nach ihrem Schulabschluss das Soma Memorial Girls Home möglichst bald verlassen, um in Kleingruppen von acht Mädchen zusammen mit einer Hausmutter und betreut von Sozialarbeitern von New Light in eigenen Wohnungen zu leben. So sollen sie lernen, ihren Alltag gemeinsam zu gestalten und zu organisieren, während sie gleichzeitig die Gelegenheit erhalten, eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. Mit diesem Projekt wird die Zukunft der älteren Mädchen langfristig gesichert und gleichzeitig kann New Light mehr jüngere Mädchen in das Soma Memorial Girls Home aufnehmen.

»Es ist für Sie vielleicht manchmal schwer vorstellbar, welch einen Unterschied Ihre Hilfe für die Menschen hier ausmacht«, so Urmi Basu, »Aber für viele der Kinder und Frauen bedeutet sie ein neues Leben.« In diesem Sinne bitten wir Sie mit der Weihnachtsaktion 2007: Helfen auch Sie den Kindern von Kalighat bei ihrem Weg aus dem Rotlichtviertel und unterstützen Sie die Arbeit von New Light!

Dieser Text wird von Stephan Weber und der BONO-Direkthilfe e.V. unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht.
Lesen Sie auch den Projektbericht 2007 Ein anderes Indien.

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